Feinmotorik fördern – Der Weg zum „Fingerspitzengefühl“

Geht es um die Förderung von Kindern ab dem Kindergartenalter, muss früher oder später über die Feinmotorik gesprochen werden. Dabei handelt es sich um eine enorm wichtige Fähigkeit, die zum Beispiel unerlässlich für das Schreiben von Buchstaben und Zahlen ist. Aber was genau ist mit Feinmotorik eigentlich gemeint? Wie entwickelt sie sich und wie kann man die Feinmotorik fördern? In diesem Beitrag erwarten Sie die Antworten auf diese Fragen sowie einige Tipps zur kindgerechten Förderung der Feinmotorik

Feinmotorik vs. Grobmotorik

Die sogenannte Grobmotorik, die als großer Bruder der Feinmotorik bezeichnet werden kann, umfasst sämtliche körperlichen Regungen, welche in einer kontrollierten Gesamtbewegung resultieren. Beispiele sind das Gehen und Rennen, das Hüpfen, das Klatschen, das Klettern oder das Kicken. Die Feinmotorik bezieht sich hingegen auf kleinere, präzise gesteuerte Bewegungen der Hände und Finger, aber auch der Füße, Zehen und der Gesichtsmuskulatur. Entsprechend gehören das Schreiben, das Wackeln mit den Zehen, das Zwinkern, das bewusste Lachen und das Kreuzen zweier Finger zu den feinmotorischen Bewegungen.

Entwicklung der Motorik des Kindes

Grob- und Feinmotorik entwickeln sich vor allem in den ersten sechs Lebensjahren eines Kindes stetig weiter. Wie schnell sich die motorischen Fähigkeiten entwickeln, ist in Teilen von Kind zu Kind verschieden, doch es lassen sich grobe Zeiträume, in denen bestimmte Entwicklungsschritte für gewöhnlich stattfinden, festhalten:

Neugeborene und Säuglinge

Neugeborene kommen lediglich mit dem Greifreflex ausgestattet zur Welt. Sie können weder Finger noch Zehen gezielt bewegen und halten die Hände noch überwiegend zur Faust geballt. Feinmotorik fördern spielt in diesem ersten Lebensabschnitt selbstverständlich noch keine Rolle.

Babys mit 3 bis 6 Monaten

Ab dem dritten Lebensmonat beginnen Babys, zielgerichteter nach Gegenständen zu greifen und ihre Finger einzeln zu bewegen. Sie schaffen es beispielsweise, sich ein Fingerchen in den Mund zu stecken oder nach einem großen Ball zu greifen. Die Augen-Hand-Koordination fängt an sich zu entwickeln und bis zum sechsten Lebensmonat beherrscht das kleine Lebewesen den sogenannten Flachzangengriff, mit dem auch kleinere Gegenstände relativ kontrolliert ergriffen werden können.

Babys mit 6 bis 12 Monaten

In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahrs tut sich nochmals einiges: Das Baby findet heraus, wie es seinen Zeigefinger zum Zeigen nutzen kann, und findet langsam aber sicher zum Pinzettengriff, um kleine Dinge noch zielgenauer greifen und halten zu können.

1- bis 2-Jährige

Dann steht das große Kritzeln auf dem Plan: Mit dem Faustgriff können ein- bis zweijährige Kinder größere Stifte recht sicher halten und wild drauflosmalen. Auch das Essen mit einem Löffel wird versucht und Geschenke und Süßigkeiten können selbstständig ausgepackt werden.

Kleinkinder mit 3 Jahren

Ab dem dritten Lebensjahr wird ersichtlich, welche Hand das Kind mehr benutzt und ob es folglich eher Rechts- oder Linkshänder ist. In diesem Alter kann das Schneiden mit einer Kinderschere ausprobiert werden, das Kritzeln gewinnt etwas kontrolliertere Züge und es bereitet kaum noch Schwierigkeiten, den Löffel ohne größere Kleckereien zum Mund zu führen.

4-Jährige

Die Feinmotorik entwickelt sich in rasantem Tempo weiter und ist ab dem vierten Lebensjahr so ausgeprägt, dass sogar erste Balaceakte, zum Beispiel beim Eierlauf im Garten, gelingen. Die Hände werden fleißig zum Zeigen, Winken und vielleicht sogar schon zum Anzeigen erster niedriger Zahlen verwendet.

Kindergartenkinder mit 5 Jahren

Im Alter von fünf Jahren ist es Kindern möglich, unterschiedliche Bewegungen mit ihren beiden Händen auszuführen. Aus dem fantasievollen Kritzeln werden erkennbare Zeichnungen und beim Essen können Messer und Gabel genutzt werden.

6-jährige Vorschüler

Mit sechs Jahren haben Kinder gelernt, ihre Kraft einzuschätzen und Bewegungen sehr präzise auszuführen. Sie fertigen echte Kunstwerke an und haben ihre Hände überwiegend fest im Griff.

3 Tipps: Feinmotorik fördern effektiv und kindgerecht

Im Entwicklungsprozess der Feinmotorik haben Eltern immer wieder die Möglichkeit, ihr Kind fördernd zu unterstützen. Das sollte allerdings nicht mit stundenlangem, nervenraubenden Büffeln geschehen! Legen Sie unbedingt Wert auf eine kindgerechte Förderung, die dennoch effektiv ist, und beachten Sie dabei die folgenden Tipps:

Feinmotorik fördern im Alltag

Glücklicherweise lässt sich die Feinmotorik wunderbar im Alltag fördern. Alles, wobei Ihr Kind seine Hände und Finger kontrolliert einsetzen muss, eignet sich als Feinmotorik Übung. Lassen Sie Ihr Kind je nach Alter und Entwicklungsstand zum Beispiel den Tisch decken, fordern Sie es beim Einkaufen auf, auf ein bestimmtes Produkt zu zeigen und es in den Wagen zu legen, zeigen Sie ihm, wie es eine Schleife binden kann, oder pflücken Sie gemeinsam einen bunten Blumenstrauß.

Ausprobieren als A und O

Erlauben Sie Ihrem Kind, sich auszuprobieren, und kalkulieren Sie Fehlversuche und kleine Unfälle mit ein. Ihr Kind wird sich beispielsweise ziemlich sicher bekleckern, wenn es das erste mal selbstständig mit einem Löffel isst, sollte dies aber trotzdem unbedingt testen dürfen. Schließlich können sich die Fähigkeiten nur weiterentwickeln, wenn ein Ausprobieren inklusive Fehlern und Missgeschicken stattfindet.

Grundprinzip der Abwechslung

Feinmotorik fördern sollte Spaß machen und vor allem abwechslungsreich sein. Versuchen Sie, möglichst viele verschiedene Bewegungen und Anforderungen aufzugreifen, und sorgen Sie so dafür, dass keine Langeweile aufkommt.

Ein starker Geduldsfaden

Während die Fortschritte, die ein Kind in Sachen Feinmotorik macht, manchmal nahezu von einem Tag auf den anderen erkennbar sind, ist es vollkommen normal, dass es auch Zeiten des gefühlten Stillstands gibt, in denen es nicht mehr wirklich vorangeht. Als Eltern sind Sie gerade in letztgenannten Phasen gefragt: Bleiben Sie geduldig und setzen Sie Ihr Kind auf keinen Fall unter Druck. Druck führt direkt in den Stress und Stress verhindert ein effektives Lernen. Akzeptieren Sie, dass auf erfolgreiche „Lernschübe“ Phasen der Stagnation folgen können, und sehen Sie diese als Teil des Entwicklungsprozesses.

Individuelles Entwicklungstempo berücksichtigen

Es gibt einen Aspekt bezüglich des Lernens bei Kindern, den wir gar nicht oft genug betonen können: Jedes Kind hat ein eigenes, individuelles Lern- und Entwicklungstempo. Sei es also beim Erlernen des Laufens und Sprechens, beim Schreibenlernen oder eben bei der Förderung der Feinmotorik, immer gilt: Das individuelle Entwicklungstempo des Kindes muss unbedingt berücksichtigt und respektiert werden. Greifen Sie Ihrem Kind fördernd unter die Arme, ohne es allzu sehr „anzuschubsen“ und damit womöglich erst recht aus dem Konzept zu bringen, und üben Sie sich in Geduld. Die Fortschritte werden schneller kommen, als Sie es in Momenten, in denen Ihnen alles ein bisschen zu langsam geht, ahnen können.

Feinmotorik fördern mit kreativen Spielideen

Feinmotorik fördern lässt sich wunderbar mit Spiel und Spaß kombinieren. Schließlich greifen viele spielerische Tätigkeiten feinmotorische Fähigkeiten auf. Warum also nicht beim Spielen dazulernen? Kreative Ideen für Spiele mit dem gewissen Förderungsfaktor finden Sie in unserem Artikel zum Thema.

Schwungübungen: Allrounder zum Fördern der Feinmotorik

Wenn Sie sich mit der Förderung der Feinmotorik befassen, sind Sie vermutlich schon über Schwungübungen gestolpert. Solche Übungen eigenen sich tatsächlich hervorragend zum Feinmotorik fördern und bereiten Ihr Kind ideal auf das Schreiben von Zahlen und Buchstaben sowie auf das Zeichnen geometrischer Formen vor. Grundlegende Infos zum Thema finden Sie in diesem Beitrag, während Sie mit einem Klick hier direkt bei zehn hilfreichen Tipps und praktischen Vorschlägen zum Einsatz von Schwungübungen landen.

Erste Hilfe: Was tun, wenn sich die Feinmotorik nicht weiterentwickelt?

Während Eltern sich oftmals völlig unbegründet Sorgen machen, wenn Ihr Kind feinmotorisch etwas „hinterherhinkt“, und sich diese Sorgen mit der Zeit von ganz alleine in Luft auflösen, gibt es auch die Fälle, in denen aus einer Phase der Stagnation ein Dauerzustand wird und sich das Kind feinmotorisch überhaupt nicht mehr weiterentwickelt. Sollten Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind schon eine ganze Weile keinerlei Fortschritte mehr macht und sich der Abstand zwischen dem, was andere Kinder diesen Alters können, und dem, wie sich Ihr Kind präsentiert, zusehends weiter vergrößert, kann es sinnvoll sein, professionellen Rat einzuholen. Sprechen Sie mit den Erzieherinnen, die Ihr Kind im Kindergarten betreuen, fragen Sie diese nach ihrer Einschätzung und ziehen Sie gegebenenfalls den behandelnden Kinderarzt hinzu. Aber: Verfallen Sie nicht in Panik! Aller Wahrscheinlichkeit nach liegen der Problematik keine schwerwiegenden Störungen zugrunde und Ihr Kind kann seinen Rückstand mit der richtigen Förderung und etwas Zeit im Nu aufholen.